De Zwerchsack uf d’r Schiller
Im Mol die Erdepeef
So geht am fräihe Morje
d’r Schleffer in die Schleef.

Wilhelm Wild Notgeld des Birkenfelder Landes von 1921

Was ist eigentlich so schön daran, wenn man 111 Traum-Wanderwege mehr oder weniger direkt vor der Haustür hat?

Man muss nicht immer ewig im voraus Planen und kann auch mal spontan eine Tour laufen, quasi eine Traumschleife To go. So hatte ich in Idar-Oberstein ein paar Dinge zu erledigen und beschloss nachmittags eine Runde um die Kama zu drehen. Als Tristan davon Wind bekam, war er Feuer und Flame und wollte unbedingt mitkommen. Wir packen unsere Rucksäcke mit den nötigsten Dingen. Hierzu gehörte nach Tristans Auffassung auch sein Kuscheltier Mammut „Rolith“. So wurde dann die kleine 6,2 km-Runde doch zu einer fast echten Mammuttour.

Das einsame Tal

In das Tal der heutigen Wanderung habe ich schon tausende Male hinabgeblickt, führt doch die B 41 mit einer mächtige Brücke über die tief in den Felsen eingekerbte Nahe. Der kleine Fluss macht dabei seine letzten Meander, ehe sich das Tal hinter Idar-Oberstein weitet und sich der Character des Flusses völlig ändert.

Aus der Vogelperspektive war das Ziel also schnell lokalisiert. Etwas schwieriger erwies sich dann aber die Detailnavigation. Ich bin ja in Idar-Oberstein nicht völlig ortsfremd, allerdings hatte ich mir auch noch nie wirklich Gedanken um den Startpunkt der Wanderroute gemacht. So fuhr ich also Richtung Klotzbergkaserne. Irgendwo wird mich dann ja sicherlich ein Hinweisschild weiterführen. Der einige Weg, der in die gewünschte Richtung abbog, führt direkt zum Tor der Kaserne. Ich befrage also meinen Taschenkoblod mit dem Apfel drauf und steuere das gewünschte Ziel an.

Die Straße wird immer schmaler, in Serpentinen geht es den Berg hinab. Aus Schlaglöchern in der Asphaltdecke werden Asphaltfetzen im Schotterbett. Die Szenerie erinnert ein wenig an ein Passstraße in den Anden. So erreichten wir schließlich den Wanderparkplatz am Nahestrand.

Steile Felsen

Noch ein kurzer Fußweg und wir sind schließlich am Startpunkt angekommen. Wir sind nur ein paar hundert Meter von Stadtzentrum Idar-Obersteins entfernt und doch in einer völlig anderen Welt. Es ist still, man kann das plätschern der Nahe hören. In der Ferne trellert ein Rotkehlchen.

Wir biegen in den Wald hinein. Die Böschung zur Nahe hin wird steiler. Schließlich liegt der Fluss tief unter uns und wir sind auf einem engen Pfad am steilen Felsen unterwegs. Der Weg nimmt dabei allerlei Biegungen. Immer wieder öffnen sich Fenster zum anderen Flussufer und auf den Krechelsfels. Das Blätterdach hat inzwischen die ersten herbstlichen Farben angenommen. Trotzdem wirkt alles saftig und frisch, was bei der Trockenheit der vergangenen Wochen sehr verwundert.

Der vulkanische, dunkelgraue Fels mit seinen kleinen lindgrünen, beigen und braunen Einprenkelungen stellte sich der Nahe schon seit Urzeiten als hartes, erossionsbeständiges Hindernis in den Weg. Die Steilhänge, die dabei entstanden sind, bieten unzähligen Flechten und Moosarten einen kärglichen Lebensraum. Man könnte achtlos daran vorübergehen. Mich faszinieren die Formen und Farben auf dem Felsuntergrund aber immer wieder aufs neue. Hier muss ich innehalten; das Auge über die Felswand schweifen lassen.

So umwandern wir die enge Schleife der Nahe um uns schließlich etwas vom Fluss zu entfernen. Über uns wirft die Weiberswoogbrücke der Bundesstraße einen feinen Schatten auf den Waldboden. Das der Verkehr über unseren Köpfen hinwegrauscht, ist hier unten fast nicht zu hören. Es geht immer noch am steilen Hang entlang, gewunden, jede Biegung hält einen neuen Ausblick bereit. Eine große Buche versperrt uns den Weg. Das Wetter der letzen Tage hat den Riesen wohl umgehauen. Mir kommt wieder die Anden-Analogie in den Sinn. Sicherlich begegnet uns gleich ein Chaski (Laufbote im Inka-Reich), und hinter den Dickicht des Urwaldes liegt eine versunkene, längst vergessene Indiostadt…

So geht am fräije Morje…

Tristan findet die Kletterübungen durch die Baumkrone großartig. Der Urwald liegt irgendwann hinter uns und das Tal weitet sich. Plötzlich tauchen die Überreste eines Bauwerks auf.  Zwar nicht die stolzen Überreste eines Inkaherrschers. Vor uns liegen die Grundmauern der Hoppstädter Schleife. Die Achat-Doppelschleife wurde 1850 erbaut und war bis 1937 in Betrieb. Anschließen zerfiel sie rasch und es blieben nur die Grundmauern erhalten. Man kann noch gut erkennen, wo sich einst die mächtigen Schleifsteine befanden. Auch die Mühlgräben sind noch deutlich auszumachen. Sicherlich wurden hier auch Achate aus Süd-Amerika verarbeitet. Statt der Chaski benutzen also die Achatschleifer früher die Pfade auf denen wir bei unserer Wanderung unterwegs sind, um zu ihrem Arbeitsplatz in der Nahe-Aue zu gelangen.

Unser Weg gewinnt wieder rasch an Höhe und wir müssen abermals ein Hindernis überwinden. Diesmal eine Fichte, die ihre Krone quer auf unseren Pfad geschmissen hat. Nach einigen Kurven erreichen wir schließlich eine von der Nachmittagssonne bereits schräg angestrahlte Hochterrasse der Nahe. Hier befand sich ein römischer Bauernhof aus dem 1. bis 3. Jahrhundert. Auf die Villa Rusica weist eine Infotafel hin. Im Gelände kann ich keine Spuren mehr ausmachen… Jetzt sind es nur noch einige Schritte, bis wir Enzweiler erreichen. Wieder macht die Nahe eine 180°-Wende und wir wandern auf dem steilen Vulkanfelsen. Die Krüppeleichen geben immer wieder den Blick auf ein Stückchen Landschaft frei, mal auf Hammerstein, mal die eine weitere Brücke der B41, die in luftiger Höhe das Tal weit überspannt.

Nun war der weiteste Punkt erreicht und die Traumschleife steuerte wieder auf den Startpunkt zu. Viele Ausblicke tauchten erneut vor uns auf, diesmal aber auf völlig anderer Perspektive. Wir unterquerten einen der stolzen Tunnel der Nahebahnstrecke. Auch hier kann man sich ruhig etwas Zeit nehmen. Jede Brücke gleicht der anderen, doch im Detail ist jede ein architektonisches Kleinod.

Über die blaue Brücke, die wir vorhin bereits bei der Achatschleife gesehen haben, ging es dann zum anderen Ufer der Nahe. Inzwischen sind die Schatten schon recht lang geworden und in den Eichenwald fallen nur noch hi und da ein paar Sonnenstrahlen. Noch einmal überquerten wir die Nahe und waren dann auch schon wieder am Startpunkt angelangt.

Mein Fazit

Die Traumschleife „Rund um die Kama“ ist Fastfood-Wandern vom Feinsten. Die Stecke bietet viele landschaftliche Highlights auf engstem Raum. Dabei kann man den Wanderspass erleben, ohne extreme Höhenunterschiede überwinden zu müssen. Für mich im besten Sinne des Wortes eine Traumschleife „To go“. Wer 2- 3 Stunden Auszeit braucht, sollte seine Schritte vor die Tore Idar-Obersteins lenken und auf den Spuren der Achatscheifer wandern.

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