Herrstein und der Mittelalterpfad

Auf diese Wanderung habe ich mich schon lange gefreut. Der Mittelalter-Pfad wurde immerhin 2010 zum schönsten Wanderweg Deutschlands gewählt. Herrstein kenne ich schon seit Kindertagen. Hier habe ich auch schon manchen Dienst hinter dem Bankschalter geschoben und dabei besonders die Mittagspausen am Hankel-Brunnen genossen. Auch für die Kinder war es am morgen ein großes Hallo, als sie erfuhren, dass wir nach Herrstein wandern gehen würden. Zum Abschluss der knapp 9 Kilometer erwatet sie schließlich ein gefüllter Kloß.

Hankelbrunnen

Hankel-Brunnen.
Dem stolzen Bürgertum Herrsteins wurde hier ein Denkmal gesetzt. Auch wenn sich Hankel (also Johann Karl) ein wenig über das Gespöttel der Jungen aufzuregen scheint.

Und dann gab es da ja noch was. Letzten November durften wir unser Café Abentheuer-Projekt im Wappensaal der Verwaltung, der Versammlung der LAG-Mitglieder vorstellen. Auch die Erinnerung an diesen Meilenstein für unser Projekt war wieder ganz frisch. Und dann das Gewitter vom Frühsommer diesen Jahres. Ich hatte den Stumm-Eisenhütten-Weg erkundet (Bericht in Arbeit) und einen Tag später kam das Wasser. Eine Katastrophe des Ausmaßes wie man sie in der Gegend bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Der Fischbach wurde zum alles mitreisenden Strom, machte weder vor Blechgaragen noch Autos halt und schob eine Welle aus Schlamm und Verwüstung ins Nahetal. Viele der Betroffenen kenne ich persönlich, zum Teil seit vielen Jahren.

Von alle dem ist, als wir in Herrstein angekommen sind, keine Spur mehr zu erkennen. Lediglich ein wenig Treibholz und darin verheddertes Plastik geben noch Zeugnis von dem was im Juni geschah.

TIPP: Am zweiten Wochenende im September findet jedes Jahr das Schinderhannes-Räuberfest statt. Die engen Gassen der Altstadt sind dann von allerlei Verkaufsständen bevölkert. Neben regionalen Köstlichkeiten wird außerdem ein spannendes Programm an Kleinkunst geboten.

Wir durchschreiten den Uhrenturm und sind in einer anderen Welt. Herrstein wurde schon oft als das Rothenburg des Hunsrücks bezeichnet, und vielleicht ist ja auch was dran. Was seit den späten Siebziger Jahren des letzen Jahrhunderts hier geleistet wurde um Altes zu erhalten, eine gewachsten Struktur nicht den Bedürfnissen der Moderne zu opfern, verdient Anerkennung. Allerdings sieht man hi und da, wie sich die gute Acrylfarbe inzwischen wieder vom Fachwerk abschält. Ich sag nur STANDÖLFARBE… Das bei der Renovierung der gute Wille an der ein oder anderen Stelle davongloppierte, wie es Dieter Wieland in seinem Film Das Sauberen Dorf bemerkte, ist nicht ganz abzustreiten. Hier kann sich Herrstein in guter Gesellschaft mit all den anderen Dörfern landauf landab fühlen. Nach dem das landwirtschaftliche Leben mit seinen Gerätschaften und Tieren und dem dafür erforderlichen ländlichen Handwerk aus den Dörfern verschwunden ist, laufen die Dorfkerne Gefahr, zu nostalgischen Folklorekulissen zu verkommen. Ach ja Kulisse: Eines der Häuser in der Herrsteiner Uhrengasse diente als Schauplatz in Edgar Reitz’ Film Die andere Heimat.

Wir sind nun auf dem Mittelalter-Pfad. Es geht die Treppen zur Schlosskapelle empor. Oben angekommen entern die Kinder die Aussichtsplattform und packen ihre Rucksäcke aus. Picknick. Die Kinder lehnen sich gemütlich an die mittelalterliche Stadtmauer. Der Mittelalter-Pfad teil sich für einige Kilometer auch den Weg mit dem Hildegard-Pilgerweg weshalb eine Infotafel über die großen Mystikerin des 12. Jahrhunderts Auskunft gibt. Wir durchschreiten ein kleines Portal der Stadtmauer und sind wieder in einer anderen Welt. Eichenwald, der ganze Bergkamm ist von krüppelwüchsigen Eichen bestanden. Viel Licht fällt auf den Waldboden. Es ist angenehm kühl und auch die Kinder erklettern voller Tatendrang den Berg.

Oben angekommen verlassen wir den Wald und laufen am Waldrand entlang. Wir werden mit einem herrlichen Fernblick belohnt. Stoppelfelder wechseln sich mit Wiesen ab, Heuballen liegen wie Bauklötze von Riesen verstreut. Und darüber dieser Himmel. Wolken aufgetürmt zu Wattebergen unendlich aufgereiht bis zum Horizont.

Das wir auf dem Mittelalterpfad nicht alleine unterwegs waren, konnten wir jetzt schön sehen. Zwei Wanderer vor uns, davor eine weitere Gruppe und ganz in der Ferne am Kamm des nächsten Hügels waren noch zwei Silhouetten auszumachen. Der Rucksack gab Ihrer Erscheinung eine Bizarre Anmutung zwischen all dem Grün und Blau und der Wolkenwatte.

Ein Hinweisschild informiert über eine Römerstraße, die hier entlang lief. Vor Jahrhunderten angelegt, werden Sie immer noch genutzt. Nichts hat so lange Bestand, wie die Wege der Menschen. Eine weitere Infotafel hält die Erinnerung an ein historisches Drama wach: Im November 1641 verheirate sich der Herrsteiner Landesherr Georg Wilhelm von Pfalz-Birkenfeld mit der deutlich jüngeren Wild- und Rheingräfin Juliane von Grumbach. Sie brachte jedoch bereits im Februar 1642 ein Kind zur Welt. Dieses solle aus einer Vergewaltigung durch den Wild- und Rheingrafen Johann Ludwig von Dhaun entstanden sein.

Sie wurde daraufhin zu ihrem im Ehevertrag zugesicherten Witwensitz in Herrstein gebracht. Das Kind wurde auf Befehl Georg Wilhelms zum Kindesvater nach Dhaun gesandt. Dieser ließ es aber wieder nach Herrstein bringen. Als die Herrsteiner Wachen die Annahme verwehrten, legten die Dhauner das Kind an dieser Kreuzung schutzlos ab. Darauf zwang der Herrsteiner Amtsmann die Dhauner, das Kind wieder mitzunehmen. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Die unglückliche Juliane wurde zunächst in Herrstein, später in Winterburg und zuletzt auf der Burg Rheingrafenstein gefangen gehalten. Dort verlieht sich ihre Spur.

Die Geschichte muss jetzt erst einmal sacken. Da es noch eine Weile zwischen abgeernteten Feldern um am Waldsaum entlanggeht, bleibt Zeit ein wenig den Gedanken nachzuhängen. Das folgende Waldstück bietet wieder bizarre Eichenbäumen. Plötzlich, ein surrendes Geräusch. Irgendwie metallisch. Wir überqueren die Straße und erreichen das Wiesental des Hosenbaches. In Blickrichtung Niederhosenbach weist ein Schild auf den mutmaßlichen Geburtsort von Hildegard von Bingen hin. Der Mittelalterpfad und der Hildegardsweg trennen sich hier. Immer noch dieses Geräusch.

Wasserläufer

Und dann sind die Urheber des Geräusches ausgemacht: Auf der Weide in der Bachaue stehen Rindviecher. Wunderschöne Tiere mit Glocken um den Hals. Das Geräusch! Rotbunt mit richtigen Hörnern. Wie auf einem Tiergemälde des 19. Jahrhunderts.

Schließlich erreichen wir die Rabenkanzel. Für mich das Highlight der Tour. Am Fuß eines Quarzitrückens eine kleine Lichtung zum Rasten. Eingefasst von Erika und Ginster. Die Kinder wollen wieder einen Stopp einlegen. Dafür!

Es geht weiter, Wir kraxelt den Quarzit empor. Die Vegetation bleibt abwechlungsreich, exotisch: Krüppeleichen, blühende Erika, Wacholder. Weiter geht wieder durch Niederwald an der alten Richtstätte der Wild- und Rheingarfen vorbei. Der Flurname Galgenberg verrät mehr.. Über offene Felder und Weideland erreichen wir erneut einen Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges. An der Jammereiche suchten die Bewohner von Breitental vor marodierenden Spanischen und Kroatischen Truppen Schutz. Diese umstellen das Waldstück und zündeten es mitsamt den Einwohnern an. Das Naturdenkmal der Jammereiche hält die Erinnerung an die Ereignisse wach.

Die Sonne strebt inzwischen dem Horizont zu als wir an einer Aussichtsplattform mit 360° Rundblick ankommen. Eine bronzene Windrose gibt Auskunft über die Orte der Umgebung. Da ist sie wieder, die Weite des Hunsrücks. Verschnaufen für die Seele. Schon scheen loh.

Den höchsten Punkt der Tour haben wir erreicht. Es geht nun Steil bergab. Wieder in Eichen-Niederwald, wir erreichen eine Sinnenbank – war sicherlich einmal ein schöner Ausblick von hier. Leider hat das Blätterdach der Bäume davon nicht mehr viel übrig gelassen. Seit dem der Mittelalter-Pfad im Jahre 2010 zum schönsten deutschen Rundwanderweg gewählt wurde, ist es den Bäumen hier wohl sehr gut gegangen. Ähnlich wuchsfreudig waren die Bäume am Aussichtsturm, der als nächstes auf unserem Weg lag. Auch hier bleib nur die Einsicht in der fehlende Fernsicht.

Die letze Etappe führte in Serpentinen auf engem Pfad ein letzes mal Eichen entlang. Alle konnten bereits den Duft der “Gefillde” in der Nase spüren. Also steuerten wir zielstrebig die Zehntscheune an. Die Kinder hatten sich ihren Kloß nach der 9 km Wanderung redlich verdient. Sie haben ihre Portionen ratzeputz leer gefuttert.

Wir waren von der Tour begeistert. Sie bot viel Geschichte zum Nachdenken und eine abwechslungsreiche Streckenführung. Es hatte sicherlich seinen Grund, dass der Mittelalter-Pfad zum schönsten Wanderweg Deutschlands gewählt wurde. Es is jo schon scheen loh.

 

 

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